H.U.N.T.E.R.
Nico Langer
Leseprobe · Beginn von Kapitel 1
Kapitel 1: Nachtschicht
„Ich bring euch um!“, donnert es durch den Raum, als John durch die Glastür tritt. Ein kräftiger Mondelf mit Tattoos im Gesicht stürmt auf ihn zu. Mehr aus Reflex als bewusster Handlung macht er einen Ausfallschritt und zieht dem heranstürmenden Elf die Beine weg, der daraufhin mit Schwung gegen den Türrahmen knallt.
Sofort drückt ihn ein Beamter, der eben noch am Empfangsschalter gesessen hatte, nach unten und legt ihm Handschellen an.
„Hallo, John, sorry, der war etwas ungehalten.“
Wirklich, im Eingangsbereich? Vor meinem vierten Kaffee?
Er hebt zur Begrüßung die Hand. „Viel los heute Abend?“
Der Kollege lacht. „Jeden Tag dasselbe Paradies.“
Sein Blick schweift über die anderen im Wartebereich, die eher unbeeindruckt von dem Geschehen sind und sich stattdessen in ihren Handys vergraben.
Er läuft zur Zwischentür, die den öffentlichen Bereich für die Besucher von den Büros der Beamten trennt.
Mit einem herzhaften Gähnen steckt John die Karte in das Lesegerät. Es ist alt, surrt und startet gelegentlich neu, aber irgendwann akzeptiert das System, dass er angekommen ist. Der Tausch von Früh- auf Spätschicht ist jedes Mal eine eigene Herausforderung, wie ein Wechsel zwischen Zeitzonen.
Während er durch den Gang der Agentur schlurft, bleiben seine Augen immer wieder an großen Lettern hängen: H.U.N.T.E.R. – das Akronym, das in regelmäßigen Abständen an der Wand prangt. Viele sehen nur ein paar Buchstaben, aber für ihn ist es das Einzige, was ihn morgens noch aus dem Bett holt.
Früher hießen sie schlicht Hexguard. Das waren andere Zeiten – Hexenjäger mit Feuerkraft. Mehr Cowboy als Polizist.
Nach der Zusammenlegung mit der Urban Nightwatch aus den Kriegsjahren kam das Rebranding:
Hexguard, Urban Nightwatch, Tactical Enforcement and Response – kurz H.U.N.T.E.R
Der Podcast auf seinen Ohren ist mehr ein morgendliches Ritual, als dass er ihn wirklich interessieren würde. Eher Unterhaltung als Information, die ihm durch die Autofahrt und die ersten Stunden des Tages hilft.
„Roe, hör zu! Ich war bei diesem Fischmädchen …“
Der Host unterbricht ihn. „Oh, wieder eine dieser Geschichten.“
Er fährt fort: „Hör doch erstmal zu. Also, ich hab da das Mädchen, und wir versuchen diesen neuen Stoff. Bei mir zieht das Zeug gar nicht, aber bei ihr … Sie wird wild, sage ich dir.“
„Was für ein Zeug war das?“
Der Mann lacht wie ein Kettenraucher. „Keine Ahnung Roe! War in einer meiner Wundertüten.“
„Glaubst du die Hunter bekommen das Drogenproblem in den Griff?“
Die rauchige Stimme lacht lang. „Die Hunter? Ist das überhaupt deren Abteilung? Müssen die nicht Strafzettel verteilen und ein paar Orks belästigen? Ich sag dir was, Roe, die bringen keinen Mehrwert mehr.“
Der Host wirkt nachdenklich.„Ich weiß nicht, ich finde, gerade am Anfang waren sie eine große Entlastung für die Polizei, vor allem, weil sie sich mit neuen Problemen konfrontiert sahen.“
Sein Gast lacht. „Ja, am Anfang. Jetzt sind sie komische Polizisten. Jeder kennt sich mit ihrem Bereich aus. Die Myths sind wirklich nichts Neues mehr, Roe. Die kennt jeder, und jeder weiß, mit ihnen umzugehen.“
Myths, an den Begriff werde ich mich nie gewöhnen. So mythisch sind die gar nicht. Aber nicht das Schlimmste, was man auf den Straßen hört.
John betritt langsam den gefliesten Umkleideraum, erreicht kurz darauf seinen Spind und nimmt die Kopfhörer raus.
Mit einem routinierten Griff öffnet er ihn, hängt die Jacke hinein und tauscht sie gegen die kugelsichere Weste. Früher hatten sie diese weichen, stichfesten Schutzwesten, aber es brauchte einige Tote, bis sie aussahen wie Soldaten in einem Kriegsgebiet. Das gehört wohl dazu, wenn das Aufeinandertreffen mit Vampire, Werwölfen und dergleichen normal ist.
Dann legt er seine Uhr ab, er betrachtet das alte, zerkratzte Gehäuse in seiner Hand. Warum drehst du dich nicht andersrum?
Kurz hält er sie ans Ohr, um das Klicken im Inneren zu hören. Alt, aber läuft, mehr ein Erinnerungsstück, da sie nach einem Tag schon nachgestellt werden muss. In einer digitalen Zeit schaut man ohnehin eher auf sein Smartphone als die Armbanduhr.
Er ersetzt sie durch das vorgeschriebene Modell der Agentur – eine, die nicht nur Vitalfunktionen, sondern auch seinen Standort überwacht.
Vor allem das GPS ist wichtig, John hat keine Lust, noch mal über Tage einen Kollegen im Wald zu suchen, weil er sich an Dryaden-Pilzen bedient hat und nicht weiß, wo oder was er ist.
Als Nächstes folgt der Gürtel, schwer bepackt mit allem, was er braucht: Dienstwaffe, und Ersatzmagazine, wenn es mal brenzlich wird. Ein Taser und Tierabwehrspray, falls man nicht möchte, dass es gefährlich wird. Wobei das Abwehrspray nur selten gegen Tiere eingesetzt wird, sondern eher gegen Leute, die sich so benehmen.
Zuletzt die gefürchtetste Waffe im ganzen Arsenal – ein Block für Strafzettel, kein falschgeparkter Besen oder illegaler Zauberspruch bleibt dank ihm ungestraft.
Zum Schluss greift er nach den Accessoires, die seinem Arbeitgeber ebenso wichtig sind wie seine Bewaffnung: den stylishen Cowboyhut, denn beim Stil macht man keine Abstriche, und die Sonnenbrille, die dank arkaner Programmierung nicht nur vor Sonne schützt, sondern auch Magiespuren findet und als Nachtsichtgerät dient. Jedes Objekt wurde von der Agentur ausgewählt, getestet und streng vorgeschrieben. John hatte schon mit genug Ausrüstung zu tun, um zu wissen, dass sie nie so gut ausgerüstet waren wie dieser Tage.
Mit dem kurzen Blick in den Spiegel schlägt er die Spindtür zu. Dann atmet er tief durch und tritt hinaus.
Mal schauen, was mich heute erwartet. Der tägliche Wahnsinn, nehme ich an.
Immer wieder begegnet er Kollegen, die er nur mit einem knappen Nicken begrüßt. Ohne anzuhalten, läuft er weiter zur „Loading Zone“, wie sie hier genannt wird.
Dort steht Smith, mit dem Kopf scheinbar schon im Feierabend. Sein Blick klebt am Handybildschirm, während John sich in das System einträgt und die nötigen Dokumente unterschreibt.
Nach kurzem Warten, während dem Smith ihn konsequent ignoriert, seufzt er.„Jo, ich brauch meine Ausrüstung.“
Bin ich der Einzige, der hier richtig arbeitet?
Smith zuckt zusammen, als wäre er aufgewacht. „Scheiße, ich biete gerade auf Karten fürs Spiel heute Abend. Ich habe sie meinem Neffen versprochen und total vergessen.“
John wirft einen Blick auf seine Armbanduhr und hebt eine Augenbraue. „Das ist in zwei Stunden. Du hättest die Karten schon vor Wochen holen sollen. So wie meine Ausrüstung.“
Smith seufzt wehleidig, wackelt nachdenklich mit seinem Schnurrbart und trottet zum Gewehrschrank. Ohne Eile holt er die Tasche und Johns Waffe heraus. Ein weiteres Formular sowie Unterschrift – dann wechselt alles den Besitzer.
Er nimmt das halb automatische Gewehr, nichts daran ist nach den Jahren im Dienst noch Standard. Ein holografisches Visier, Doppel Magazin und erweitertes Kaliber. Denn kaum etwas hält einen wütenden Troll schneller auf als panzerbrechende Geschosse auf die Kniescheiben. Smith nennt es auch liebevoll den Hexenhammer, nachdem es bei einem kriminellen Hexenring ganze Arbeit leistete.
John prüft jede Funktion und packt alles zusammen.
„Viel Glück mit den Karten“, sagt er abschließend.
„Das wird schon, lass dich nicht vom Wendigo beißen“, verabschiedet sich Smith lächelnd.
Durch die nächste Tür gelangt John zur Werkstatt. Sie ist um diese Uhrzeit nicht mehr besetzt, sein Fahrzeug jedoch hat seinen jährlichen Routinecheck gerade durch – frisch poliert und bereit für die Schicht präsentiert es sich auf der heruntergelassenen Hebebühne.
Als er am Wagen ist, öffnet er den Kofferraum und verstaut die Tasche.
Sein Gewehr landet auf dem Beifahrersitz.
Jetzt die nervige Kontrolle des Fahrzeugs.
Reifen und Beleuchtung?
Passt schon, keiner hat Zeit, das genau zu kontrollieren.
Anschließend schaltet er das Funkgerät ein und stellt sicher, dass die Verbindung zur Leitstelle funktioniert.
„8-23 bereit für Dienstbeginn.“
„Verstanden, 8-23.“
Danach schaut er auf die Tankanzeige, voll, wie er es gerne hat.
Ein prüfender Blick auf die Notfallausrüstung.
Hat sich bestimmt seit gestern nicht bewegt
Abschließend stellt er sicher, dass die Bodycam sowie seine persönliche Ausrüstung griffbereit sind.
Die Kamera hat ihn schon einmal vor falschen Anschuldigungen gerettet. Sie hilft den Huntern mehr, als vielen bewusst ist.
Er dreht den Zündschlüssel.
Nichts. Er versucht es erneut mit einer Drehung. Aber alles bleibt ruhig, als würde der Wagen es nicht einmal versuchen.
Sein Blick richtet sich nach vorn auf das Tor.
Er seufzt enttäuscht. Schließlich hat das Fahrzeug erst eine Kontrolle hinter sich. Dann fällt sein Kopf auf das Lenkrad. Wieder atmet er schwer aus.
Schön, dass die Mechaniker ihr Handwerk ernst nehmen.
Er steigt aus und öffnet die Motorhaube. Er schaut sich um und findet das Klemmbrett mit den Arbeiten, die erledigt wurden, auf einem Werkzeugkasten mit Rollen.
Viel war nicht zu tun, wo könnte das Problem sein?
Er geht die Liste durch, von Sichtprüfung bis Ölwechsel. Aber nichts davon könnte diesen Fehler hervorrufen. Nochmals steigt er ein und dreht den Schlüssel. Wieder keine Regung.
Strom? Ist es so einfach?
Er prüft die Batterie und tatsächlich, das Kabel ist locker. Wieder im Fahrersitz dreht er den Schlüssel und der Motor heult auf.
Sofort springt auch das Radio an. John hört gerne Musik, solange er das Computersystem hochfährt, es braucht seine Zeit. Kaum ist das System geladen, wird er von einer Flut an Aufträgen überrollt.
„Als würde mir hier langweilig werden …“, murmelt John, während er durch die Einsatzliste scrollt.
Ich wünschte, ich könnte überall gleichzeitig sein.